Brasilien 8

 

Bundesstaaten Sao Paulo bis Rio Grande do Sul 

 

Vom 08. November bis 01. Dezember 2014

 

Fortsetzung von Bericht Brasilien 7

 

Die Fotos zu diesem Bericht findet man am Ende des Textes.

 

Das Gebiet zwischen Santos und Sao Paulo auf vierspurigen Straßen können wir ohne Staus umfahren. Wir sehen Luxus-Villen hinter zwei Meter hohen Mauern mit Stacheldraht und nur 2 km weiter Müllhalden, neben denen ärmliche Butzen stehen. Nachdem wir im Tal kilometerweit an Bananenplantagen vorbei fahren, geht es hundert Kilometer südlich in Kurven bergan in die Serra do Cadeado und weiter nach Westen.

 

Bei angenehmen frühlingshaften Temperaturen besuchen wir in 1.100 Meter Höhe den Parque Estadual de Vila Velha. Alles ist perfekt organisiert, wie in den Nationalparks von USA oder Kanada. Wir machen eine Tour mit dem Parkbus zu zwei Höhlen, die vom Rand einsehbar sind und in hundert Meter Tiefe einen See haben. Eine zweite Tour führte uns zu den Sandsteinformationen. Dort spazieren wir herum und fotografieren die interessanten Felsgebilde. Ein Hauch vom amerikanischen Südwesten.

 

Bei der Mercedes-Werkstatt in Curitiba lassen wir die Bremsen und die Spur unseres RMB-Wohnmobils prüfen. Wir werden freundlich begrüßt und zum Mittagessen in der Kantine eingeladen. Im So Trailerpark übernachten wir einige Tage sicher, sauber und mit Wifi-Verbindung. Hier stehen riesige alte und neue Motorhomes der Brasilieros. In der Imbiss-Bar Scholze nehmen wir noch einen Drink und beim Bäcker Schwab kaufen wir leckere Baguettes.

 

Pünktlich startet in Curitiba die Schmalspurbahn, der Trem Da Serra Do Mar Paranaense (Atlantic-Rainforest-Train), bei Sonnenschein und stahlblauem Himmel. Unser älterer Zugbegleiter spricht nicht nur Portugiesisch, sondern auch Englisch und Deutsch und erklärt zunächst viel, als wir etwa eine Stunde mit 30 km/h durch Curitiba und die teils Vororte mit einigen ärmlichen Häusern schaukeln und allmählich die bewaldeten Gebiete der Serra mit vereinzelten Araukarien erreichen. Dann rollt der von einer Diesellokomotive gezogene Zug allmählich bergab durch dichten Urwald der Serra do Mar und vorbei am Stausee, der Curitiba mit Trinkwasser versorgt. Im Süden sehen wir die hohen Berge des Küstengebirges. Ganz nah reichen die Zweige der Bäume rüber auf die Bahnstrecke, so dass man den Kopf nicht zu weit rausstrecken sollte. Die Bahnfahrt wird nun immer eindrucksvoller, als der Zug sich am östlichen Rand der Serra do Mar entlang tastet. Es ist eine beachtliche Leistung von über hundert Jahren gewesen, diese Bahnstrecke durch dieses unwegsame Gebiet zu legen. Über tausend Arbeiter sind dabei ums Leben gekommen. Mit der Bahn wurden die landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Hochlandes von Curitiba zum Hafen von Paranagua gebracht. Wir fahren über 67 Brücken und Viadukte und durch 13 Tunnel und können bei heute klarer Sicht bis zum fünfzig Kilometer entfernten Meeresarm der Baia de Paranagua sehen. Die Berge sind überwiegend mit sattgrünen Wäldern bewachsen, die bei diesem Kaiserwetter besonders ihre Farbe entfalten. Wir blicken hinunter auf Bäche und Wasserfälle, fahren an alten verlassenen Bahnstationen und verfallenen Häusern vorbei. Direkt neben den Schienen blühen bunte Blumenteppiche, wachsen immer wieder große Hortensien-Büsche, Riesenfarne und hängen Lianen. Zwischendurch muss unser Touristenzug halten, um einem Güterzug die Fahrt zu gewähren. Nach drei Stunden endet diese beeindruckendste Bahnfahrt Brasiliens in der kleinen Stadt Morretes. Dort haben wir knapp vier Stunden Aufenthalt und spazieren durch diesen angenehmen Ort mit seiner attraktiven Lage am Fluss und seinen renovierten Häusern.

 

Dass Curitiba eine lebenswerte Stadt ist, merken wir bei einer Fahrt mit der LINHA Turismo, bei der 24 Sehenswürdigkeiten angefahren werden. Im Doppeldeckerbus oben sitzend, fahren wir immer wieder auf breiten, vom Bäumen gesäumten Straßen und kommen an größeren und kleineren gepflegten Parks vorbei. Uns wird klar, dass Curitiba nicht umsonst 1997 von der UNO den ersten Preis für die beste Stadt- und Lebensqualität erhalten hat. Wir steigen bei der Rundfahrt viermal aus. Zunächst sehen wir uns im Jardim Botanico das große gläserne Gewächshaus an. Danach halten wir beim Museum Oscar Niemeyer und der Opera de Arame. Dieses große Glashaus wurde in einem See auf Stelzen erbaut und ringsherum erstreckt sich dichter Wald. Ein toller Veranstaltungsort! Im deutschen Viertel stehen viele teure Villen, von Mauern, Zäunen, Stacheldraht, Kameras und Hunden bewacht. Dann fahren wir mit dem Aufzug zur Spitze des Torre Panoramica. Von dort haben wir einen prima 360° Grad-Blick auf die ganze Stadt, bis hin zu den Bergen des Küstengebirges. Hier wird auch wieder deutlich, wie viele Grünflächen Curitiba hat. In den nächsten Tagen spazieren wir durch den Paseo Publico, einem attraktiven Stadtpark mit uralten Bäumen mitten in der Umgebung von Hochhäusern. Im von hohen Palmen gesäumten Praca General Osorio legen wir im Schatten eine Rast ein und gehen dann durch die lange, stark besuchte Fußgängerzone Avenida Flores. Im Setor Historico bummeln wir vom Praca Garibaldi aus durch die Altstadt und besichtigen später das Viertel Santa Felicidade, wo sich viele Italiener niedergelassen haben und in ihren Restaurants landestypische Gerichte servieren.

 

Nach ein paar Regentagen ist es sonnig, als wir Richtung Morretes und weiter Richtung Sao Joao de Graciosa fahren. Wir überqueren einen Fluss, in den junge Burschen von der Brücke hinunter springen. Im Wasser baden hunderte Wochenendurlauber und auch der Campingplatz am Fluss ist belegt. Die großen Lautsprecher werden von vielen Autobesitzern mal wieder voll aufgedreht, damit keine Stille aufkommt. In Kurven fahren wir vorbei an Palmen, Bananenstauden und schroffen Felsen und halten beim Campingplatz Las Cachoeiras. Mit unserem Motorroller fahren wir durch diese schöne tropische sattgrüne Landschaft. Auch in Morretes ist der Bär los, weil heute Sonntag ist. Viele Stände sind aufgebaut und verschiedene Musiker spielen Live. Wir rollern weiter nach Antonina, wo viele verfallene Häuser ahnen lassen, dass die Stilllegung der früheren Eisenbahnstrecke der Grund für den Niedergang war. Dennoch gibt es auch dort ein paar schöne Ecken und ein sehenswertes Pier in die Baia de Paranagua, in der die Ebbe besonders sichtbar wird.

 

Ein fröhliches Vogelgezwitscher begrüßt uns zu einem weiteren unvergesslichen Ausflug. Mit unsere Piaggo-Motorroller wollen wir heute eine der schönsten Straßen Brasiliens fahren, die Estrada da Graciosa. Zunächst noch auf Asphalt, dann auf quadratischen Pflastersteinen führt die Straße vorbei an den letzten bewirtschafteten Grundstücken mit Palmen und Bananenstauden allmählich bergauf in den atlantischen Regenwald. Wir hoppeln wegen der Pflasterung gemütlich mit 30 km/h durch diese herrliche sattgrüne Urwald-Landschaft unter blauem Himmel. Entlang der Straße wachsen große Büsche hellblauer Hortensien. Vereinzelt sehen wir links am Berghang kleine Wasserfälle und wir überqueren kleine Bäche. Von den Bäumen hängen Lianen am Straßenrand herab und verschiedene Arten von Blumen blühen. Immer können wir problemlos anhalten, was mit einem Auto schlecht möglich ist. Nur wenige Autos sind unterwegs, aber an einem Wochenende möchten wir diese Strecke in der Autokolonne nicht fahren. Wir überqueren Brücken und nach vierzehn Kilometern haben wir einen Höhenunterschied von 900 Metern hinter uns gebracht. Oben weht ein frischer Wind und die zuvor dichte Vegetation ist die der trockeneren Serra gewichen. Auf der gemütlichen Rücktour lassen wir uns bergab ohne Motor nur rollen. An einem Bach sehen wir einen Goldsucher, der mit Händen und modernem Detektor das Gestein durchsucht.

 

Eine weitere Fahrt führt durch ein langes idyllisches Tal am Fuße des Küstengebirges über Cacatu bis nach Bairro Alto. Auch auf dieser Tour umgibt uns üppige Vegetation. Vereinzelt haben sich Menschen ihre Sitios abseits der Straße geschaffen. Wir überqueren einen reißenden Fluss, fahren durch eine lange Allee und halten in Bairro Alto, wo die Teerstraße endet. Wir essen ein Eis und „unterhalten“ uns etwas mit Einheimischen. Ein Deutscher namens Fritz hat sich sogar schon vor vielen Jahren hier in dieser paradiesischen Gegend niedergelassen.

 

Hinter Matinhos überqueren wir 10 Minuten mit einer kleinen Fähre einen Meeresarm und sind in Guaratuba. Wir fahren links über einen Hügel zum weißen Sandstrand, wo aber das Fischrestaurant leider geschlossen ist. Auf der Weiterfahrt verliert rechts vor uns ein klappriger LKW eine Metallstange, zum Glück auf der Nebenspur. Inzwischen haben wir die Grenze von Sau Paulo nach Santa Catarina überschritten. In Joinville sehen wir uns im Palacio dos Principes das Museu Nacional da Colonizacao e Imigracao an. Im Gebäude sind Möbel, Geschirr und Bilder von der Zeit der – vor allem deutschen - Einwanderung ausgestellt. Dahinter besichtigen wir eine Scheune mit Kutschen und ein nachgebautes Fachwerkhaus, ebenfalls sehr schön eingerichtet. Wir spazieren die direkt anschließende prächtige Alameda das Palmeiras, eine Allee mit riesigen Palmen, entlang. In einem Elektrogeschäft wollen wir einen kleinen Ventilator für umgerechnet 13 Euro kaufen. Der Verkäufer fragt nach unserer CPF-Nummer (Cadastro de Pessoa Fisica), die wir natürlich nicht haben. Dann fragt er seinen Chef, ob er den Ventilator trotzdem an uns verkaufen kann. Der meint, dann müsse erst die Finanzbehörde gefragt werden. Der Verkäufer fragt bei der Finanzbehörde an, ob er den Ventilator an uns verkaufen kann. Nach einer Viertelstunde können wir tatsächlich das teure Teil erwerben.  ;-)

 

Über eine Brücke fahren wir weiter zur Insel Sao Francisco do Sul. Unseren Camper stellen wir an der nordöstlichen Ecke der Insel am Ende des Strandes von Enseada ab. Dort stellen wir direkt gegenüber dem Gebäude der Bombeiros do Militar (Feuerwehr des Militärs, Lebensrettung) unser rollendes Hotel ab. Die Wache der Bombeiros ist 24 Stunden besetzt, die Laternen brennen die ganze Nacht und so stehen wir sicher. Zudem haben wir einen schönen Blick auf Enseada und auf Ubatuba am anderen Ende der langen Bucht. Nach der ruhigen Nacht ist bereits um 7 Uhr bei den Bombeiros reges Treiben. Alle etwa 60 Leute, darunter auch ein paar Frauen, müssen auf der Straße antreten mit kurzen Hosen und T-Shirt, eine Frau sogar mit Zahnseide-Hose. Alle Namen werden aufgerufen und erhalten Anweisungen. Der größte Teil läuft singend die Straße entlang. Die anderen laufen in Badehose und mit Flossen in der Hand zum Meer, wo sie von einem Jet-Ski-Boot aus Rettungsübungen machen. Ein unterhaltsames Schauspiel vor unserem rollenden Zuhause.

 

Wir fahren mit unserem Piaggio-Roller etwa 20 km zum Ort Sao Francisco do Sul und schlendern dort am Hafen und im historischen Zentrum des Kolonialstädtchens umher. Es scheint, als seien wir heute als einzige Touristen hier unterwegs. Dann rollern wir zur nördlichsten Spitze der Insel über Erdpiste an etlichen huschenden Leguanen vorbei hoch zur Festung Forte Marechal Luz. Hier kann man weit auf den Atlantik und die Babitonga-Bucht blicken. Deshalb wurden dort vor hundert Jahren große Kanonen aufgestellt, um eindringende Schiffe zu versenken. Als wir im Wohnmobil beim Abendessen sitzen, rumst es plötzlich hinten kräftig am Fahrzeug. Ich sehe aus dem Fenster, wie ein Jugendlicher auf der Fahrbahn liegt und sein Fahrrad daneben. Er sagt „Desculpa“, sein Kumpel lacht. Ich rufe noch laut hinter ihm her, dann sind die beiden verschwunden. Wir stehen doch auf einem Parkstreifen neben der zweispurigen Einbahnstraße, wo kein einziges Auto fährt. Und dieser Experte fährt so dicht an unserem Camper vorbei, dass er mit seinem Lenker gegen die hintere Ecke unseres Fahrzeugs stößt und mit dem Vorderrad an der Seite entlang kratzt. Genau so fährt der Junge bestimmt später einmal Auto.

 

Vor Jaragua do Sul biegen wir rechts ab und kommen nach Brüderthal. Der Tankwart Julius spricht Deutsch, wie viele in dieser Gegend. Am Eingangstor zum Friedhof steht „Ehre sei Gott in der Höhe“ und viele Gräber tragen deutsche Namen. Dann biegen wir auf eine Schotterstraße ab nach Schroeder 1, wo neben grauen Holzhütten etliche gepflegte Häuser stehen. Eine Frau berichtet auf Deutsch, dass ihre Familie in Schroeder 1 seit über vierzig Jahren wohnt. Die idyllische Umgebung besteht aus Rest-Urwald auf den Hügeln und Bananenplantagen und kleinen Feldern unten.

 

Über einen Pass erreichen wir Pomerode. Auch dort sehen wir Blumenbeete vor den gepflegten Häusern. Auffällig sind die vielen blonden und sogar rothaarigen Menschen. Wir haben Appetit auf heimische Kost, aber die Restaurantes „Siedlertal“ und „Wunderwald“ sind leider geschlossen. Hinter dem großen mit Backsteinen gemauerten Eingangstor von Pomerode finden wir die gemütliche und nach drei Seiten hin offene Choperia „Curry Wurst“. Der Kellner spricht wenig Deutsch, der Besitzer allerdings sehr gut. Seine Großeltern sind nach Brasilien ausgewandert. Wir unterhalten uns über unsere Reise und über Pomerode. Heute leben wir mal ungesund und lassen uns nach über acht Monaten die erste Currywurst schmecken. Dazu trinke ich ein paar Chops süffiges „Schornstein-Bier“ vom Fass. Die Kneipe ist gut besucht, im Laufe des Abends sind dann alle Tische besetzt. Aus dem Radio hören wir vom Sender aus MeckPom erstmals seit acht Monaten die Nachrichten und den Wetterbericht in unserer Sprache: An der Ostsee und im Vogtland 3° Grad. Brrrrr, da haben wir es hier doch etwas wärmer. Zum Übernachten fahren wir zum Hotel „Bergblick“ und fragen die Juniorchefin Eliana, ob wir auf dem Parkplatz übernachten können. Kein Problem. Wir unterhalten uns noch lange. Ihre Eltern sind in den 60er Jahren nach Brasilien ausgewandert und haben dieses attraktive Hotel gebaut, dass auch irgendwo in den Alpen stehen könnte.

 

In Blumenau halten wir bei der Vila Germanica und werden von Crista Feldmann auf gutem Deutsch angesprochen. Ihre Großeltern sind mit ihrer Mutter nach Brasilien ausgewandert. Ihre Mutter würde sich freuen, wenn sie sich mit uns auf Deutsch unterhalten könnte. Hermine Feldmann, geb. Barthel ist 97 Jahre alt und arbeitet in der Küche, als wir drei erscheinen. Sie freut sich sehr und fängt gleich an, in bestem Deutsch zu erzählen. Crista macht einen Kaffee und wir nehmen in der Stube Platz, in der viele Fotos von Hermines verstorbenen Mann, ihren neun Kindern, 15 Enkeln und 25 Urenkeln hängen und die Hermine erklärt. Hermine ist wirklich geistig und körperlich absolut fit und arbeitet noch täglich in ihrem Garten. Sie berichtet von der schweren Zeit, die ihre Eltern hatten, als sie mit der kleinen Hermine und den anderen acht (bis zu 20 Jahre älteren) Geschwistern hatten und die Gegend urbar machten. Bei unserer vierstündigen überaus interessanten Unterhaltung erfahren wir viel über das Leben in Brasilien früher und heute. Mit Ihrem Mann hat sie früher drei Häuser gebaut. Als Neunzigjährige ist sie mit Crista und einer weiteren Tochter nach Mallorca geflogen und die drei haben dort ein Jahr lang gewohnt. Die beiden zeigen uns noch den üppigen Garten mit riesigen Bananenstauden, Gemüse, Palmen, Fruchtbäumen und vielen Gewächsen. Die Polizei hat direkt nebenan ein Gebäude errichtet und Hermine ohne deren Zustimmung auf vier Meter Breite und ganzer Länge einen Teil ihres Grundstücks weggenommen, ohne sie finanziell zu entschädigen.

Wir verabschieden uns von den beiden und fahren noch zur Vila Germanica, wo jedes Jahr im Oktober das nach München zweitgrößte Oktoberfest der Welt stattfindet. Zurzeit ist auf dem Gelände das „Weihnachtsdorf“ mit vielen netten Geschäften, Buden, Biergärten und Winterwald in der Hitze aufgebaut. Hier kommt etwas Weihnachtsstimmung auf, nur das Wetter passt überhaupt nicht dazu.

 

Bei unserer Weiterfahrt überholt uns ein kleiner Pickup. Auf der Ladefläche hat der Fahrer zweistöckig große Lautsprecher gebaut und voll aufgedreht, dass wir fast von den Sitzen fallen. Wir fahren weiter Richtung Süden, vorbei an den hässlichen Hochhäusern von Balneário Camboriú, das im Sommer voll von Touristen sein soll. Wir biegen ab Richtung Porto Belo, ebenfalls hässlich mit Hochhäusern. Vor Bombinhas schrecken uns schon in der Ferne die Hochhäuser ab. Als ich morgens das Radio einschalte, klingt mir Heino mit seinen „Alten Kameraden“ entgegen und anschließend „Rosamunde“ und die deutsche Morgenandacht. Hier im Bundesstaat Parana leben die meisten Brasilianer deutscher Abstammung. Wir fahren mit dem Roller noch einige Kilomter weiter zu schönen Stränden. Praia Bombas und Praia Bombinhas sind ziemlich vollgebaut, beim längeren Praia 4 Ilhas gibt es weniger Häuser und wir machen einen Strandspaziergang.

 

Gegen Abend überqueren wir die Brücke auf die Insel Santa Catarina zur hell beleuchteten 410.000-Einwohner-Stadt Florianopolis. In Campeche übernachten wir mangels Campingmöglichkeit zur Sicherheit neben der Policia Militar. In Lagoa da Conceicao stellen wir später auf dem „Pousada-Camping“ unseren Camper ab. Dort treffen wir Francoise und Jacky Rose aus Frankreich, die mit einem riesigen kanadischen Wohnmobil schon sieben Jahre unterwegs sind. 2015 wollen sie weiter nach Argentinien und Chile.

 

Gegen Mittag starten wir bei 25° Grad mit unserem Roller zur Erkundung des Nordteils der Ilha Santa Catarina. Doch diese Insel hat zwar schöne Strände, die aber fast alle mit Hotels, Apartmentanlagen, Privathäusern und Restaurants fast vollständig zugebaut sind. Und der Straßenverkehr ist enorm. Dann fahren wir endlich mal durch Kiefernwälder des Parque Florestal do Rio Vermelho zum Praia da Mocambique, ein herrlich weißer fast menschenleerer acht Kilometer langer Sandstrand. Ich werfe mich in die hohen Wellen des offenen Atlantik mit klarem erfrischendem Wasser. Am Praia da Ponta das Canas kehren wir bei einer Strandbar ein und ich bade wieder, diesmal ohne hohe Wellen. Hier ist ausnahmsweise nicht alles zugebaut. Durch den großen Ort Canasvieiras fahren wir zum Praia Jurere. Aber trotz schöner Strände kann uns die fast vollständig kommerzialisierte Insel nicht begeistern. Im Südteil der Insel spazieren wir auf die Dünen von Joaquina und blicken auf die Lagoa da Conceicao im Westen und den Strand von Joaquina am Atlantik im Osten. Hier kann man auch Surfbretter zum Surfen auf dem feinen Sand ausleihen. Dann erreichen wir bei wieder viel Verkehr den Ort Pantano do Sul. Der Fischerort gefällt uns, denn hier leben die Fischer noch im Dorf direkt hinter dem Strand. Es ist Ebbe und die Fischer sortieren ihre Netze und nehmen ihre Fische aus. Wir setzen uns in eine wenig besuchte kleine Strandbar, wo sich der Besitzer noch über Gäste freut.

 

Schon bald verlassen wir mit vielen anderen Autos die Ilha Santa Catarina. Wie wird der Verkehr erst am Wochenende sein? Und wie in den Ferien? Und wie in fünf oder zehn Jahren, wenn noch mehr Brasilianer ein Auto haben? Diese Frage stellten wir uns in vielen Städten Brasiliens. Uns gefällt das alles nicht. Wir fahren in Florianopolis vorbei an vielen Hochhäusern, fädeln uns ein und dann geht’s langsam über die Brücke zum anderen Stadtteil. Es ist alles zugebaut, wir sehen nur wenige Bäume als Farbtupfer. Ein Fußgänger läuft von links über die viel befahrene Autobahn: Mal wieder Arbeit für DEUS (Gott). Daumen hoch, alles gut!

 

Weiter südlich erreichen wir über eine Erdpiste den Strand Praia da Rosa, der nicht nur einer der schönsten Strände sein soll, sondern auch in einer der schönsten Buchten der Welt liegen soll. Wir fahren fest bis zum Ende des Strandes, wo wir drehen können und parken am Hang etwa fünf Meter über den Sandstrand. Uns bietet sich ein wunderbarer Blick auf den von wenigen Menschen besuchten Strand und auf die sichelförmige Bucht mit dem tiefblau erscheinenden Wasser. Wir spazieren die zwei Kilometer den sauberen Strand entlang bis zum anderen Ende der Bucht. Als zwei Jungs mich mit dem Fußball sehen, kommen sie gleich angelaufen und wir kicken uns den Ball zu. Am Strand ist ein älterer Mann dabei, Müll aufzusammeln, sogar die Zigarettenkippen. Die Bewohner von Praia da Rosa haben sich zusammengeschlossen, um den sauberen Strand zu erhalten. Einige Surfer lassen sich von den Wellen treiben. Inzwischen hat sich ein großes Allradfahrzeug zu uns gestellt. Es gehört Gerhard aus Holland, der seit Februar in Südamerika unterwegs ist. Er zeigt uns Fotos und Filme von Bolivien. Von diesem Land ist er ganz begeistert. Die Leute waren freundlich und gecampt hat er oft in freier Natur, wo er nicht von der Straße gesehen werden konnte. Er ist die Todesstraße gefahren, mit Freundin in Steigeisen auf einen schneebedeckten Sechstausender geklettert und mit seinem eigenen Paraglider über Copacabana/Bolivien und über Lima geflogen. Von Peru aus ist er auf der Transamazonica durch Brasilien bis Fortaleza gefahren. Fast ausschließlich auf Erdstraße, wo der andere Fahrzeuge aus dem Schlamm gezogen hat und durch sich ständig wiederholende eintönige Dschungellandschaft. Wir verbringen einen unterhaltsamen Abend.

 

Am nächsten Tag überqueren wir die Grenze von Santa Catarina nach Rio Grande do Sul und übernachten mal wieder auf einem sauberen und sicheren Autoposto.

Südlich von Torres biegen wir ab auf die kaum bekannte, aber sehr empfehlenswerte Rota do Sol. Die Straße führt zunächst Richtung Etati durch ein weites grünes Tal mit etlichen netten Häusern Obstständen. Auf der Weiterfahrt steigt die gut geteerte Straße in Kurven immer mehr an, vorbei an sattgrünen Feldern und Wäldern unter inzwischen stahlblauem Himmel. Mit 30 km/h geht es immer weiter bergauf bis auf 900 m Höhe und durchfahren dabei auch zwei Tunnel. Wir halten an einem Mirante und genießen die tolle Aussicht auf Berge und Täler. Auf der Hochebene sehen wir Bretterbehausungen sowie erste Araukarien. Hier in der Serra Gaúcho gibt es wieder große Weidegebiete mit Rindern, gepflanzte Kiefernwälder und Kohlfelder. Über Cambará do Sul fahren wir auf einer staubigen Erdpiste zum Canion Itaimbezinho. Am Eingang des Parque Nacional Aparados da Serra parken wir beim Besucherzentrum. Wir wandern zunächst zu verschiedenen Aussichtspunkten, von denen wir ausgezeichnete Blicke in den bis zu 600 Meter tiefen Canyon Itaimbezinho haben. Auf der gegenüberliegenden Seite rauscht der Wasserfall Véu da Noiva mehrere hundert Meter in die Tiefe und in der Ferne sehen wir einen weiteren Wasserfall. Wir überqueren über eine Holzbrücke den Rio Perdiz und wandern in unseren Wanderstiefeln auf dem steinigen Weg neben Hawaiianas (Flip-Flops) tragenden Brasilianerinnen. Nach 3 km erreichen wir einen anderen Aussichtspunkt, vom dem wir ebenfalls tolle Blicke in den bis zu sechs Kilometer langen Canyon bieten. Als wir zurück Richtung Tainhas fahren, ziehen von Osten vorübergehend plötzlich Nebelbänke über die Hochebene. Danach wieder strahlende Spätnachmittagssonne, die eindrucksvolle Schatten von den Hügeln und vereinzelten Araukarien wirft.

 

Die Stadt Canela erreichen wir in der Dunkelheit. Auf Nachfrage meinten die Bombeiros, dass das Übernachten im Wohnmobil auf den Seitenstraßen zu gefährlich sei. Ihr Angebot, unser Wohnmobil auf dem umzäunten Bombeiros-Gelände abzustellen, nehmen wir gerne an. Einige Nächte bleiben wir auf dem CCB-Camping, der schön im Wald mit alten Bäumen und Araukarien gelegen ist. Im nahen Parque do Caracol verbringen Familien und Freunde zusammen den Sonntag unter alten Bäumen und auf gepflegten Rasenflächen. Man grillt an gemauerten und überdachten Plätzen, trinkt, sitzt meist mit bis zu dreißig Anderen zusammen auf einfachen Klappstühlen und hört laute Musik. Wir blicken von einem Aussichtspunkt auf die bewaldete Landschaft und auf den 131 m hohen Wasserfall Cascata do Caracol, zu dessen Fuß wir auf Treppen hinuntergehen. Das nahegelegene Castelinho Frantzen aus Araukarienholz hat die Familie Frantzen vor über hundert Jahren hier gebaut. Wir besichtigen das Haus und sitzen in dem gemütlichen Café unter Kuckucksuhren bei leckeren Apfelstrudel und Apfeltee und bei der unvermeidlichen deutschen Schlagermusik mit Heintje, Roy Black und Heino.

 

Anschließend rollern wir weiter von Canela nach Gramado, wo alles weihnachtlich geschmückt ist. Wir haben 30° Grad, als wir durch die belebte Rua Borges de Madeiros spazieren, die von vielen Wochenendausflüglern belebt ist. Die Straßen sind voll mit Weihnachtsschmuck, Weihnachtsmann- und Engel-Statuen, bunten Rentieren und Tannenkränzen. Für die Brasilianer ist Gramado das, was St. Moritz für die Europäer ist. Entsprechend viele moderne und teure Hotels, Restaurants, Cafés und Geschäfte sind überall zu sehen. Und die Brasilianer sind anscheinend ganz wild darauf, hier einmal gewesen zu sein. Hier sehen wir, wie reich doch viele Brasilianer sind. Wir denken an die ärmlichen Behausungen überall im Lande und fragen uns, wie lange dieser Unterschied an Lebensqualität noch so bleiben kann. Ein echter Touristenort mit vielen Menschen und endlosem Verkehr. Eigentlich nichts für uns, aber auch dieses Brasilien müssen wir mal gesehen haben. Wir rollern zurück nach Canela und fotografieren unterwegs noch die mit großen Hortensien-Büschen bis zu zwanzig Meter hoch bewachsenen Hänge. In Canela halten wir kurz beim Eisenbahnmuseum, wo eine große schwarze Dampflokomotive im 45°-Winkel in der Erde steckt. Eine Erinnerung an ein so verlaufendes Eisenbahnunglück vor vielen Jahren in Paris. Übrigens ist uns sowohl in Gramado, in Canela und anderen Orten von Rio Grande do Sul aufgefallen, dass hier Zebrastreifen oftmals akzeptiert werden und Fußgänger diese auch überqueren. Darauf verlassen sollte man sich aber auch hier nicht immer.

 

Mit dem Wohnmobil fahren wir weiter durch die Serra Gaucho auf der Rota Romantica nach Westen durch teilweise mit Araukarien bewaldete Berglandschaft. Wir erreichen Nova Petropolis, dass 1858 von Einwanderern aus Bayern, Sachsen und Böhmen gegründet wurde und wo heute noch viele Menschen Deutsch sprechen. Auf dem Friedhof lese ich fast ausschließlich Grabsteine mit deutschen Namen auf großen Gräbern aus Marmor. In der Stadt werden wir von den jungen Brasilianern Peatzinger und Neumann-Zimmermann mit „Guten Morgen“ begrüßt und haben eine längere nette Unterhaltung. Der Park in Petropolis ist ebenfalls weihnachtlich geschmückt mit einem Riesen-Weihnachtsmann und Rentierkutsche hinter toll blühenden Blumenbeeten. Die kurvige Weiterfahrt geht durch das Mittelgebirge mit dunklen Laubwäldern und erinnert etwas an den Harz. Viele blaue Schmetterlinge flattern umher. In Dois Irmaós parken wir am Straßenrand und ein Autofahrer hält an, kommt auf uns zu und fragt „Ist alles in Ordnung?“. Auch Silvani und Daniel sprechen eine eigenartige Mischung aus Hochdeutsch und Plattdeutsch, dass wir aber bei unserer Unterhaltung recht gut verstehen.

 

Die nicht sehenswerten Städte Novo Hamburgo und Sao Leopoldo lohnen keinen Stopp. Auch Porto Alegre macht im Vorbeifahren einen schlechten Eindruck, trotz des neuen WM-Fußballstadions. Direkt dahinter die Favelas, die einfachen Bretterbuden, teilweise total zugemüllt, ziehen sich entlang der Autobahn am Fluss entlang. Der Müll wird direkt vor den Hütten verbrannt. Wir sind schockiert, so weit im Süden noch so viel Armut zu sehen. Vor allem, nach dem Überfluss und den teuren Häusern, die wir gestern noch gesehen haben. Brasilien ist ein modernes, überaus reiches Land mit vielen armen Menschen! Wieder einmal erleben wir haarsträubende Verkehrssituationen hautnah. Südlich von Rio Grande sehen wir in den sumpfigen Randbereichen der Lagoa Mangueira und des Lago Mirim Wasserschweine. Ein großer Papagei fliegt knapp vor uns in fünf Meter Höhe und dann über uns hinweg. Reiher und andere Wasservögel sind zu sehen und Kühe stehen bis zum Bauch im Wasser. Wir haben trübes NovemberWetter wie in Deutschland mit Regen, nur die Temperatur ist um Einiges höher.

 

Vor Chui/Brasilien geben wir bei der Policia Imigration Federal unsere Touristenkarte ab und erhalten den Ausreisestempel von Brasilien.

Wir sind insgesamt fast 20.000 km mit dem Wohnmobil und 2.500 km mit dem Motorroller durch Brasilien gefahren.

 

Fazit: Viele Menschen in diesem Land waren freundlich und hilfsbereit. Und sie lieben laute Partys. Die Landschaften waren eintönig bis beeindruckend mit einer vielfältigen Flora und Fauna. Die meisten Städte waren unansehnlich, einige unvergesslich schön. Die Straßen waren teilweise in schlechtem Zustand und viele Autofahrer überschätzen sich und unterschätzen bestimmte Verkehrssituationen. Trotz der Warnungen der Brasilianer vor der Kriminalität hatten wir keine Probleme, nicht zuletzt auch aufgrund eigener Vorsichtsmaßnahmen. Trotz vieler Hinweise von Insidern im Internet, keine Reise mit einem Wohnmobil durch Brasilien zu unternehmen, war unser sechsmonatiger Aufenthalt in diesem Land insgesamt ein unvergesslich positives Erlebnis.

 

TCHAU BRASIL!

 

Im direkt angrenzenden Chuy/Uruguay, erhalten wir den Einreisestempel im Pass und die Declaracion Aduanas für das Wohnmobil.

 

BUENAS TARDES URUGUAY!

 

Fortsetzung siehe Bericht Uruguay 1